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Bakteriophagen können gezielt Bakterien infizieren und abtöten.
23. September 2026

Gemeinsame Standards für den Einsatz von Phagen gegen schwer behandelbare Infektionen

News 2026-393 DE

Das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) berichtet über eine neue internationale Leitlinie zur personalisierten Phagentherapie. Entwickelt wurde die Leitlinie von einer internationalen Arbeitsgruppe unter Leitung der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie (DGI). An der Entwicklung waren auch die beiden DZL-Principal Investigators Prof. Dr. Martin Witzenrath und Prof. Dr. Matthias Pletz beteiligt.

Die Leitlinie wurde unter Beteiligung von 20 Fachgesellschaften, 18 internationalen Expert, darunter Vertreter von Behörden, sowie zwei Patientenvertretungsorganisationen entwickelt. Sie umfasst mehr als 60 praxisorientierte Empfehlungen – unter anderem zur Auswahl und Testung geeigneter Phagen, zu Infrastruktur, Herstellung und Qualitätskontrolle, Anwendung, Monitoring und Dokumentation sowie zu zukünftigen Forschungsfragen. Das Consensus Statement wurde am 21. September 2026 im Fachmagazin Nature Medicine veröffentlicht.

Mit der Leitlinie liegt erstmals ein international abgestimmter Rahmen für die klinische Anwendung personalisierter Phagentherapien vor. Bislang fehlten einheitliche Empfehlungen für zentrale Schritte der Behandlung und Qualitätsstandards für den Einsatz von Phagen als Therapeutika.

Eine Therapieoption für schwer behandelbare Infektionen

Antibiotikaresistente Bakterien erschweren weltweit die Behandlung von Infektionen. Bakteriophagen – kurz Phagen – sind Viren, die Bakterien gezielt infizieren und abtöten können. Anders als viele Antibiotika wirken sie meist nur gegen bestimmte Bakterienarten oder einzelne Stämme. Vor einer Behandlung muss daher geprüft werden, ob ein geeigneter Phage gegen den jeweiligen Erreger wirksam ist.

Eine personalisierte Phagentherapie kann insbesondere dann in Betracht gezogen werden, wenn etablierte Behandlungsmöglichkeiten nicht wirken, nicht verfügbar oder nicht geeignet sind. Die bisherige klinische Forschung weist auf ein günstiges Sicherheitsprofil hin, wenn Phagen nach geeigneten Qualitätsstandards hergestellt und angewendet werden. Ihre Wirksamkeit ist jedoch noch nicht ausreichend durch kontrollierte klinische Studien belegt. Die neue Leitlinie versteht Phagentherapie daher als individuell zu prüfende Therapieoption und nicht als allgemein verfügbare Standardbehandlung.

Beobachtungsdaten liefern erste Hinweise auf mögliche Behandlungserfolge: In einer belgischen Fallserie mit 100 behandelten Menschen verbesserte sich der klinische Zustand bei 77 Prozent; bei 61 Prozent waren die behandelten Bakterien anschließend nicht mehr nachweisbar. Solche Daten ersetzen jedoch keine kontrollierten klinischen Studien.

Einheitliche Abläufe für eine individuelle Therapie

Da Phagen sehr spezifisch auf ihre bakteriellen Wirte reagieren, muss für jeden Behandlungsfall ein geeigneter Phage identifiziert und seine Wirksamkeit gegen den aktuellen Bakterienstamm überprüft werden. Die Leitlinie empfiehlt, jeden Fall interdisziplinär mit den behandelnden Ärzt:innen, der klinischen Mikrobiologie und ausgewiesenen Phagenexpert:innen zu bewerten.

Vor Beginn der Behandlung soll möglichst zeitnah untersucht werden, ob der Phage gegen den aktuellen Bakterienstamm wirkt – der sogenannte Phagenmatch. Das ist wichtig, weil sich die Empfindlichkeit von Bakterien im Verlauf einer Infektion verändern kann. Bei Infektionen mit mehreren Erregern sollen alle relevanten Bakterien untersucht werden.

An der Entwicklung der Leitlinie waren auch die beiden DZL-Principal Investigators Prof. Dr. Martin Witzenrath (Charité – Universitätsmedizin Berlin) und Prof. Dr. Matthias Pletz (Universitätsklinikum Jena / Friedrich-Schiller-Universität Jena) beteiligt. Witzenrath ist zudem Wissenschaftlicher Koordinator des DZL-Krankheitsbereichs Pneumonie und Akutes Lungenversagen (PALI).

Auch die Zusammenarbeit zwischen Laboren, Einrichtungen zur Phagenherstellung, Apotheken und klinischen Teams wird in der Leitlinie beschrieben. Einheitliche Prüfverfahren und regelmäßige Vergleichstests sollen die Qualität und Vergleichbarkeit der Ergebnisse verbessern. Behandlungsfälle sollen zudem systematisch dokumentiert und in Register eingetragen werden, um Erfahrungen aus der klinischen Anwendung auszuwerten und offene Forschungsfragen gezielter zu bearbeiten.

Umsetzung in die klinische Praxis

„Die Leitlinie bietet Ärztinnen und Ärzten, Apotheken sowie Regulierungsbehörden eine gemeinsame Grundlage, um die Phagentherapie sicher und verantwortungsvoll in die klinische Praxis zu integrieren“, sagt PD Dr. Silvia Würstle, Korrespondenzautorin der Leitlinie. An der Universitätsmedizin Frankfurt ist sie für den Aufbau der Infrastruktur für eine leitliniengerechte Phagentherapie zuständig.

Die Entwicklung an der Universitätsmedizin Frankfurt zeigt, wie die Umsetzung in der klinischen Praxis aussehen kann: Seit Februar 2026 wurden dort zehn Patient:innen im Rahmen einer leitliniengerechten Phagentherapie behandelt. Dabei kommen individuell ausgewählte Phagen unter anderem gegen Pseudomonas aeruginosa und Staphylococcus aureus zum Einsatz. Je nach klinischer Situation können Phagen beispielsweise intravenös, zur Inhalation oder als Nasenspray verabreicht werden. Auch die Anwendung als steriles Hydrogel ist möglich.

In der Leitlinie wird das von Dr. Claßen aufgebaute und koordinierte Netzwerk PhageNET DZIF als Plattform für den wissenschaftlichen und klinischen Austausch zur Phagentherapie genannt. Die Leitlinie vereint Expertise aus den Bereichen Mikrobiologie, klinische Medizin, Pharmazie, Herstellung und Regulierung. Sie soll Fachleuten dabei helfen, die Voraussetzungen und Grenzen einer individuellen Phagenbehandlung besser einzuschätzen.

Die Leitlinie wurde im strukturierten Rahmen der AWMF (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften) konsensbasiert entwickelt. Sie ist vom 5. Januar 2026 bis zum 29. Juni 2030 gültig. Das zuständige Komitee soll jährlich prüfen, ob eine Aktualisierung erforderlich ist.

Quelle: Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

 


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